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Zwischenbericht

Unglaublich. Jetzt ist es schon drei Monate her, dass ich am Flughafen in Frankfurt stand. Auf der einen Seite die Schmerzen, meine Familie, Freunde, einfach alles Gewohntes hinter sich zu lassen und auf der anderen Seite die Aufregung über das, was wohl alles auf mich in Indien zukommen wird. Ich war noch nie so weit und so lange von zu Hause weg. Mir wurde deshalb immer gesagt, wie mutig es von mir sei, sich ein Jahr auf etwas komplett Neues einzulassen und eine vollkommen andere Welt zu erleben. Ich habe mich nie so mutig gefühlt. Für mich war es einfach mein Traum, nach der Schule für ein Jahr nach Indien zu gehen.

Ein Neuanfang, eine Suche, ein Entdecken, seine Grenzen kennen lernen. Den Drang, helfen zu wollen und zu lernen.

Ich habe einfach unglaublich viele Erwartungen in Indien gesteckt und mir gesagt, dass, wenn ich aus Indien wiederkomme, ich weiß was ich will und wer ich bin.

Dass ich mich damit selber unter Druck stelle, habe ich erst gar nicht gemerkt. Erst als ich zu spüren bekommen habe, dass man die Probleme, die man zu Hause hatte, nicht loswird, nur weil man von zu Hause weggeht, ist mir klar geworden, dass man Veränderungen nicht einfach herbeischnipsen kann. Dass man von seinen Problemen nicht wegrennen kann, wenn man in sich etwas verändern will. Und gerade in Indien werde ich mit meinen Problemen viel stärker konfrontiert, als ich es zu Hause wurde.

Hier mache ich geradezu eine Karussellfahrt der Gefühle durch. Von einen Extremen ins andere. Von Euphorie zur Depression und wieder zurück. Und immer wieder wird mir klar, dass einerseits bei meiner Suche ich auf mich alleine gestellt bin und andererseits mir deutlich wird, wie wichtig es für mich ist, Gefühle miteinander zu teilen und füreinander da zu sein.

Und dass man doch wieder nicht alleine ist.

Da sitze ich also im Flugzeug und bin einfach nur noch aufgeregt. Wie der Flughafen wohl in Indien aussehen wird? Ob man gleich von der Menschenmasse erschlagen wird? Und werde ich erstmal halb ersticken, weil du Luft so schlecht ist?

Ich war echt froh, dass ich nicht alleine war und mich an andere festklammern konnte. Als wir dann über Indien waren und ich meine Delhi von oben gesehen haben, war ich nur noch geplättet. Man hat überhaupt kein Ende gesehen. Die Stadt war in einer einzigen Smogwolke eingehüllt. Hier werde ich also ein Jahr leben.  Das Flugzeug landet und wir sollen aussteigen. Mehrere Adrenalinschübe auf einmal und schon setze ich meinen ersten Fuß in Indien.

Die Luft ist schwerer, feucht und es riecht eindeutig anders. Aber nur halb so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe.

Vom Flughafen werden wir mit dem Taxi zu Rita gebracht. Während der Fahrt sieht man die ersten Kühe, die sich ihren Weg durch den Verkehr bahnen, Menschen, die sich am Straßenrand waschen, Unmassen an Müll, die Frauen mit ihren bunten Saris, Männer Arm in Arm die Straße entlang schlendern. Alles ist so unglaublich anders.

Bei Rita haben wir erstmal Zeit, uns wieder ein bisschen zu sammeln und werden unseren Unterkünften zugewiesen. Die von Henrike und mir, ein Paying Guesthouse, ist ganz in der Nähe, weshalb wir uns zu Fuß auf den Weg machen.

Bei der Unterkunft angekommen müssen wir feststellen, dass wir leider nicht zusammen in einen Zimmer sind. Ich bin mit 7 anderen indischen Mädchen in einen Raum.

Die Mädchen sind alle sehr sympathisch, auch wenn ich wegen meines anfänglichen Schüchternseins nicht viel mit ihnen spreche.

Wir kriegen morgens, mittags und abends Reis mit unterschiedlichen Gemüse und Rotis. Das Essen ist nach anfänglicher Gewöhnung, besonders an die Schärfe, lecker.

Beim Bad brauchte ich um einiges mehr Zeit, um mich mit ihm anzufreunden.

Die ersten Erkundungstouren gingen los und Tempel, Märkte und Parks wurden von uns immer wieder staunend betrachtet. Hier gibt es einfach immer wieder etwas Neues zu entdecken. Selbst, wenn man schon mehrere Male an einen Platz war, kann man doch wieder Neues finden.

Nach einer Woche wurden wir dann in unsere Arbeit eingewiesen. Ich arbeite zusammen mit Christian bei Sakshi. Unser Vorgesetzter, Mr. Zuber Khan, ist sehr sympathisch und zuvorkommend. Wir hatten im Gegensatz zu vielen Anderen zunächst eine Einführungsphase. Wir wurden zu Meetings, die mit dem Library Project zu tun hatten (das Projekt, wo wir zunächst arbeiten sollten) mitgenommen, wurden in unseren ersten Schule eingeführt und konnten anfangs erst einmal beim Unterricht zuschauen. Das Alles hat mir sehr geholfen, erst einmal einen gewissen Überblick über das Projekt zu kriegen, in dem ich arbeiten soll, allgemein Lehrmethoden und den Umgang mit Schülern zu sehen und um das nötige Selbstbewusstsein zu bekommen, mich selber vor eine Klasse zu stellen und zu unterrichten.

Bevor ich aber in die Schule eingeführt wurden konnte, wurde ich mit Typhus und einen einwöchigen Krankenhausbesuch zusammen mit Henrike überrascht. Ich weiß noch, wie ich in Deutschland saß und vergessen hatte, die letzte Tablette der Schluckimpfung von Typhus am vorgesehenen Tag zu nehmen und wie ich mir vorgestellt habe, wie es wohl ist Typhus zu haben. Da sich das aber als nicht schlimm herausstellte, kam Typhus für mich nicht mehr in Frage. Pustekuchen. Dazu war das auch noch mein erster Krankenhausbesuch überhaupt. Das war nicht gerade der schönste Einstieg. Besonders als wir erfahren haben, dass wir Typhus vom Paying Guesthouse bekommen haben. Eine der Mädchen hatte das nämlich letztens und da man noch einige Zeit danach ansteckend ist, haben wir uns das natürlich prompt erstmal eingefangen. Ich war so unglaublich froh, als wir endlich nach einer Woche wieder aus dem Krankenhaus raus konnten und ich damit die schlimmste Heimwehphase hinter mir lassen konnte. Nach dem Krankenhausbesuch haben Henrike und ich uns zusammen mit 4 anderen Freiwilligen eine neue Unterkunft gesucht und sind schließlich zunächst erstmal zu zweit ein Monat früher als geplant umgezogen.

Die neue Umgebung war für anfangs um einiges chaotischer und unübersichtlicher, weil hier viel mehr kleine Gassen und Trubel ist. Mit der Zeit aber habe ich mich hier immer wohler gefühlt und mag jetzt gerade das, was mich vorher abgeschreckt hat.

Nach der kurzen Unterbrechung sind Christian und ich schließlich in unsere erste Schule eingeführt wurden.

In der ersten Grundschule, in der wir unterrichten sollten, waren um die 400 Schüler. Die Grundschule beinhaltet hier eine „Nursery class“ vor der 1. Klasse und geht bis zur 5. Klasse.

Die Kinder kommen aus einem relativ kleinen Slum in der Nähe der Schule.

Da es sich um eine staatliche Schule handelt, tragen hier alle Schuluniformen. Die Ausstattung fand ich beeindruckend. Die Kinder kriegen reichlich Mittagessen und Trinken zur Verfügung gestellt und kriegen alle Bücher umsonst.

Die Kinder hier sind unglaublich offen, herzlich und strahlen eine bewundernswerte Lebensfreude aus. Da kann man gar nicht anders als sie ins Herz schließen.

Neugierige Blicke, strahlende Gesichter, Hände schütteln, Händchen halten, mit Blumen beschenkt werden und „didi“ (große Schwester) gerufen werden, gehören hier zum Alltag.

Die Unterrichtsmethoden sind hier sehr unterschiedlich. Während manche Lehrerinnen (hier unterrichten nur Frauen) die Kinder schlagen und größtenteils Frontalunterricht machen, lehnen andere körperliche Gewalt komplett ab und verbinden Unterricht mit Spielen und Interaktion.

Auch wenn es nicht immer leicht ist, die Kinder unter Kontrolle zu haben, sieht man doch immer wieder, wie sehr sie bemüht sind, etwas zu lernen und mit was für einen Ehrgeiz sie sich an die Arbeit machen.

Die Kinder in Englisch zu unterrichten anfangen war gar nicht so leicht, weil ich nur eine handvoll Wörter in Hindi konnte und somit die Kommunikation ziemlich kompliziert war. Da musste mit Bildern, Händen und Füßen Englisch beigebracht werden.

Anfangs war es für mich schwer, in die Rolle der Lehrerin rein zu kommen und mich daran zu gewöhnen, dass ich jetzt die Person bin, die vorne steht und was beibringen soll.

Das Ganze hat mich ziemlich eingeschüchtert und ich war immer vor dem Unterricht extrem aufgeregt. Deshalb war ich umso froher, dass anfangs die Lehrerinnen mit mir im Raum geblieben sind und mich beim Unterricht unterstützt haben. Auch war es anfangs schwer, sich auf Unterricht vorzubereiten, weil ich jeden Tag in eine andere Klasse gebracht wurde und es so was wie einen Stundenplan nicht gab. Letztendlich haben wir es so gemacht, dass ich mich für eine Klasse vorbereitet habe, morgens bescheid gesagt habe und dann in diese gehen konnte.

Die Kinder haben mir meine anfängliche Schüchternheit genommen und mich, in dem, was ich getan habe, sehr unterstützt.

Neben den Hindistunden, die wir angefangen haben zu nehmen, habe ich auch von den Kindern einige Worte beigebracht bekommen und konnte deshalb von Zeit zu Zeit auch mal Fetzen von dem verstehen, was mir die Kinder auf Hindi sagen.

An die Schule habe ich viele schöne Erinnerungen. Zum Beispiel wie ich mit ihnen Diwali gefeiert habe oder ein paar indische Tanzschritte beigebracht bekommen habe. Oder einfach nur die ganzen strahlenden Augen der Kinder.

Als ich erfahren habe, dass ich die Schule nach einen Monat verlassen muss, weil es gesetzlich festgelegt ist, dass Freiwillige nur einen Monat in einer staatlichen Schule bleiben dürfen, hat mich das anfangs ganz schön mitgenommen.

Der Abschied ist mir nicht leicht gefallen.

Bei unseren Hindistunden haben wir währenddessen Hindi schreiben und lesen gelernt. Eine Sprache mit ganz neuen Buchstaben zu lernen, macht mir richtig Spaß. Auch wenn das Aussprechen noch nicht immer das Leichteste ist.

Die nächste Grundschule, in die wir gekommen sind, ist um einiges kleiner. Hier sind nur 25 Schüler von der 1. bis 5. Klasse und zwei Lehrerinnen plus Direktorin. Während in der ersten Schule ein unaufhörlicher Geräuschpegel war, ist es hier sehr still und friedlich. Die Kinder hier haben einen kleinen Park, in dem sie zusammen essen und spielen.

Die Schüler können schlechter Englisch als in der vorigen Schule und wir müssen alle zusammen unterrichten, was nicht allzu leicht ist, weil ich nicht mit allen das gleiche durchnehmen kann. Deshalb mache ich zwei voneinander getrennte Sachen und versuche das irgendwie zu koordinieren. Das klappt mal besser, mal schlechter. Weil mein Hindi jetzt schon ein bisschen besser ist, können wir uns jedenfalls schon besser verständigen. Was nicht heißt, dass sie dadurch mehr auf mir hören.

Der Unterricht läuft hier des Öfteren drunter und drüber. Wenn die Kinder keine Lust auf Unterricht haben, ist es für mich so gut wir unmöglich, den Kindern was effektiv beizubringen. In der Schule mache ich also wie sowieso schon in Indien ein großes Gefühlskarussell durch. Von Verzweifeln hin zu voller Elan und Optimismus und wieder zurück.

Die Kinder hier sind zurückhaltender und wirken ernster. Gleichzeitig haben sie aber auch noch diese Lebensfreude, die ich so bewundernswert finde. Was mich hier besonders schockiert hat, ist, auf was für eine Art und Weise die Kinder still gehalten werden.

Während die Kinder in der anderen Schule auch manchmal wenn auch nicht stark geschlagen wurden, gehört Schlagen hier zum Alltag. Und das sogar manchmal mit einem Stock auf Hände und Knie. Das zu sehen, schockt mich einfach immer wieder. Und ich weiß einfach nicht, wie ich darauf reagieren soll. Ob ich die Lehrerinnen darauf ansprechen soll, dass ich das nicht gut finde oder ob ich ihnen damit zu nahe trete. Besonders schwer ist es für mich, weil die Lehrerinnen sonst eigentlich sehr nett und sympathisch sind. Das passt irgendwie für mich nicht zusammen.

Der Englischunterricht klappt immer besser und ich komme immer mehr in die Rolle als Lehrer rein und hoffe, dass ich den Kindern in der Zeit, in der ich da bin, etwas vermitteln kann und dass sie mit mir Spaß haben.

Ich bin sehr zufrieden mit meiner Arbeit und der NGO, in der ich arbeite. Unser Chef ist sehr zuvorkommend und geht auf unsere Wünsche, soweit es ihm möglich ist, ein.

Wir haben viel Spielraum und können gegebenenfalls auch das Projekt wechseln.

Neben der Arbeit habe ich seit einen Monat angefangen Tanzstunden zu nehmen. Das wollte ich sowieso schon immer mal machen und gibt mir den nötigen Ausgleich.

Die Hindistunden sind sehr hilfreich und wir haben so einen ehrgeizigen Lehrer, dass man gar nicht anders kann als lernen.

Ich habe auch schon Kontakt zu ein paar Indern in meinen Alter gefunden, mit denen ich mich öfters treffe und die mir helfen, die indische Kultur besser zu verstehen und viele schöne Plätze in Delhi zeigen.

Nach 3 Monaten kann ich sagen, dass ich in Indien angekommen bin und mich sehr wohl hier fühle. Auch wenn das Anstarren für mich immer noch ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist.

 

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